Lebendige Geschichte

Historie

Bis etwa 1830 hatte sich aus der Berlinen-Kutschenbauart, die typischen Postwagen für den überregionalen Reiseverkehr z.B. der königlich preußischen Post entwickelt.
Der Bau und Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnlinien (im Münsterland: 1849 Hamm – Münster und 1856 Münster – Rheine – Emden) und der weitere Ausbau des Eisenbahnnetzes führte zur Einstellung vieler Postwagenkurse.

Preußischer Postwagen nach 1820

  Preußischer Eilpostwagen um 1830


Historische Karte der Postkutschenlinien 1842 - 1856.
Schwarze Linien = Postkutschenlinien, rote Linien = Eisenbahnstrecken


Für den lokalen Reiseverkehr und Posttransport setze sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Omnibus-Bauart (v. Lat. omnibus „für alle“, über frz. voiture omnibus „Fahrzeug für alle“) zuerst in Berlin und dann in ganz Deutschland durch. Im Münsterland erfreuten sich die vier- und sechssitzigen Omnibus-Postwagen bis in die 1910er Jahre großer Beliebtheit.

   vier- und neusitzige Omnibus-Postwagen ab 1856


Bild: Letzte Postwagenfahrt Münster - Havixbeck 1908

Durch den Erlass des preußischen Kleinbahngesetzes von 1892 erhielt der Bau von Nebenbahnen einen enormen Aufschwung. Dies bedeutete gleichzeitig die Einstellung von Postwagenlinien. Auch der nach 1900 aufkommende motorbetriebene Postomnibus (Kraftpost) löste die pferdebespannten Wagen ab.


Bild: Die letzte Fahrt der Postkutsche von Ibbenbüren nach Hopsten bei Rheine am 30. Juni 1909.

Einige Pferde-Postwagen wurden nach dem Ausscheiden aus dem Personenverkehr zu Paketpostwagen (Landbriefträgerwagen) umgebaut und standen so noch viele Jahre im Einsatz. Solch ein Schicksal hatte auch der vor mir restaurierte Postwagen.


Bild: die letzten Pferde-Postwagen vor dem Hauptbahnhof in Münster im Jahre 1927

Der von mir erhaltene Postwagen


Gebaut wurde mein Wagen 1894 von dem Wagenfabrikanten Boeker in Münster als Omnibus-Postwagen der Gattung O.4. der Kaiserlichen Post. Typisch für diese Wagen im Direktionsbezirk Münster waren die dreigeteilten Fenster in den Seitenwänden. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde dieses Fahrzeug einem Umbau zu einem Paketpostwagen unterzogen und stand bis zum 31. Juli 1954 in der Stadt Lage (Bz. Detmold) im werktäglichen Einsatz. Mit ihm wurden im Stadtgebiet von Lage die Paketpost ausgefahren. Die Pferde für diesen Einsatz stellte der "Drawen-Hof", der einst im Stadtgebiet lag bereit.
Am Samstag, dem 31. Juli 1954 endete der  Posttransport mit Pferden mit einer Abschiedsfahrt, bei der tausende von Bürgern der Stadt Lage die Straßen säumten.


Die letzte Fahrt am 31. Juli 1954 in der Stadt Lage (bz. Detmold)

Hier ein Zeitungs-Bericht aus dem Jahre 2014, der an die Verabschiedung des Postwagens vor 60 Jahren erinnerte.

Bericht der "LZ" hier Klicken

In seinen letzten Betriebsjahren ereilte ihn auch ein schwerer Unfall, der von den Auswirkungen her sein sicheres Ende bedeutet hätte. Aber man konnte auf diesen Wagen in Lage noch nicht verzichten. Anhand der vorgefundenen Schäden konnte ich den Unfallhergang rekonstruieren. Offenbar wurde er von einem starken Fahrzeug vorne rechts erfasst und gegen ein festes Hindernis gedrückt (Rangierunfall ?). Hierbei wurde der Kutschbock zerstört;  der obere Teil des Drehkranzes brach in der Mitte durch;  vordere Rahmenteile unter dem Kutschbock brachen oder bogen sich nach oben;  die oberste Blattfederlage der rechten Hinterachsfeder brach hinter der mittleren Befestigung durch und der hintere Einstiegstritt wurde deformiert. Die dann erfolgte Reparatur wurde sehr behelfsmäßig ausgeführt. Nach der endgültigen Außerdienststellung im Juli 1954, wurde der Wagen in einer Kraftwagenhalle der Deutschen Bundespost (OPD Münster) an der Wolbecker Straße in Münster aufbewahrt.
Im Jahre 1969 trat die Bertha Jodaan-van Heek Stiftung (Ochtrup-Welbergen) an die Bundespost in Münster mit dem Wunsch heran, einen Pferdepostwagen als Denkmal zur Erinnerung an die Postkutschenzeit für die Aufstellung vor dem „Alten Posthof“ des Wasserschlosses „Haus Welbergen“ zu erwerben.
Für 200,- DM wurde der letzte Pferdepostwagen der OPD Münster an die Bertha-Jordaan-van Heek Stiftung verkauft. Nach einer äußerlichen Aufarbeitung stand er von 1969 bis 2005 vor dem „Alten Posthof“ in Ochtrup-Welbergen. Die Aufstellung im Freien und die damit verbundenen Witterungseinflüsse setzten dem Wagen über die Jahre erheblich zu. Einige Handwerker aus Welbergen versuchten den Verfall aufzuhalten was letztlich aber nicht gelingen konnte. Als er im Jahre 2005 völlig unansehnlich geworden war, fand er einen Abstellplatz in einem Schuppen des Alten Posthof.



Im Rahmen einer geschäftlichen Besprechung mit dem Restaurantbetreiber des „Alten Posthof“ im Frühjahr 2006 bekam ich diesen Wagen zu sehen und es keimte der Wunsch auf, diesem einmaligen Stück regionaler Verkehrsgeschichte ein neues Leben zu schenken.
Daraufhin geführte Gesprächen mit den Vorstand der Bertha Jordaan-van Heek Stiftung führten dazu, das der Wagen in meinen Besitz wechselte und ich die Restaurierung beginnen konnte.


Übergabe des Postwagen durch den Vorstand der Bertha Jordaan-van Heek Stiftung im April 2007.
Wie es mit dem Wagen weiterging, erfahren Sie in der Rubrik "Restaurierung".


Die Postillions-Uniform

Die Dienstkleidung der Beamten der Kaiserlichen Post von 1871 bis 1918


Erste Person von links:    Postillion in alltäglicher Dienstkleidung mit Dienstmütze der Postunterbeamten
Zweite Person von links:  Postillion in Gala-Montur, mit weißer Lederhose, roter Leibbinde und Federbusch am Hut.

Mit erheblichen Aufwand ist es mir gelungen, die verschiedenen Uniformvarianten mit zahlreichen Orignalteilen, sowie Replikaten  und Neuanfertigungen zusamnnen zu stellen.



Das Posthorn

Zu einer Fahrt mit der Postkutsche gehört selbstverständlich der Klang eines Posthornes.

Dies hier ist mein bisher benutztes B-Horn mit einer originalen Posthornkordel der Kaiserlichen Post. Durch tägliches üben behersche ich einen großen Teil der Hornsignale der Preußischen  bzw. Kaiserlichen Post.

Der Klang meiner Posthornsignale hat im Dezember 2012 eine Verbesserung erfahren. Die Auflösung einer Musikinstrumenten-Sammlung eines guten Bekannten hat es mir ermöglicht, eine Replik eines Reichsposthornes in der Stimmlage „Es“ zu erwerben. Im Gegensatz zu dem bisher verwendeten „Pless-Horn“ in der Stimmlage „B“, verfügt das Reichsposthorn über den von der ehemaligen preußischen Postverwaltung favorisierten „schmetternden“ Klang. 


Die Restaurierung

Bevor die Restaurierung des Omnibus-Postwagens beginnen konnte (mit der Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes) , war eine umfangreiche Recherchearbeit nötig.

Besuche im Postmuseumsdepot Frankfurt-Heusenstamm am 1. Juni 2007 und 18. Januar 2008.
In Frankfurt-Heusenstamm befindet sich die Fahrzeugsammlung der "Museums-Stiftung für Post und Telekomunikation" MSPT.
Neben Kraftfahrzeugen und Geräten sind dort auch etwa 30 Postkutschen, Wagen und Schlitten aufgestellt. Hier hatte ich die Gelegenheit, die historischen Fahrzeuge eingehend zu besichtigen und viele offene Fragen zu klären.
Mein herzlicher Dank gebührt den sehr freundlichen MSPT-Mitarbeitern/innen vor Ort für die Führung durch die Sammlung und die Beantwortung meiner vielen Fragen !


Zeichnung der Gattung O.6 von 1893.
Dieser Postwagen war etwas größer wie der von mir restaurierte Wagen und verfügte über 6 Sitzplätze.

Der Beginn der Restaurierung stellte die Neuanfertigung der vier Holzspeichenräder dar.
Weil sich die noch vorhandenen zwei Originalräder in einem sehr schlechten Zustand (morsch/Wurmbefall) befinden und zwei Räder gänzlich fehlen, fertigte die Firma "DR-Räder" (Inhaber: Dieter Ruppert) in Bensheim alle vier Räder für den Post-Omnibus neu an. Bei der Anlieferung der alten Räder am 1. Juni an der Werkstatt in Bensheim wurde mit Herrn Ruppert die genaue Bauausführung der neuen Räder besprochen. Die neuen Räder waren Mitte August 2007 fertig und sind in alter Handwerkstradition gefertigt.





Am 15. August 2007 rollte der Pferdeomnibus erstmalig auf seinen neuen Rädern !
Anschließend erfolgte die Aufstellung in der Kutschenwerkstatt, um die Restaurierungsarbeiten zu beginnen. Am 15. August 2007 rollte der Pferdeomnibus erstmalig auf seinen neuen Rädern !
Anschließend erfolgte die Aufstellung in der Kutschenwerkstatt, um die Restaurierungsarbeiten zu beginnen.


Zum Jahreswechsel 2007/2008 war es soweit: die Restaurationsarbeiten konnten beginnen.
Nach dem Abnehmen der Außenverkleidungen zeigte sich an vielen Stellen nur morsches Holz und viel Rost.

Hier die Baugruppen im Überblick (Stand zu Beginn der Restaurierung):
- Wagenkastenrahmen, alle Hölzer erneuern
- Wagenkastenaufbau (Holz) erneuern, nur die Rückwand bleibt
- Wagenkasten, Außenbekleidung aus Stahlblech neu anfertigen
- Kutschbock, Neubau gemäß historischer Zeichnung
- Fußboden im Fahrgastraum und vorn am Kutschbock neu herstellen
- Dachspriegel, Schalung und Dachdeckung vollständig erneuern
- Fahrgestell, sämtliche Lagerungen, Bolzen, Buchsen, Federung aufarbeiten, Federblätter ersetzen
Zu diesen Arbeitsschritten gehörte auch eine Vielzahl von Detailarbeiten.


Die Fahrwerksteile nach dem Transport in eine Metallwerkstatt.  Januar 2008


Einige Monate später stehen die Fahrwerksteile nach gründlicher Aufarbeitung zum Einbau bereit. Hier zum Beispiel der Vorderwagen.


Nachdem ein Teil der alten und morschen Holzkonstruktion entfernt war, begann die Neuanfertigung.
Zuerst wurde die linke Wagenkastenseite erneuert, dann die rechte. Dies war nötig, da das Holz des äußeren Dachrahmens erhaltenswürdig war und sonst nicht in seiner Position geblieben wäre.


Bei der Erneuerung des Wagenkastengestells wurden etwa 90 % der schadhaften Hölzer ersetzt. Wie beim Bau des Fahrzeuges fand abgelagertes Eschenholz Verwendung.


Hier der Arbeitsfortschritt im April 2008. Ein Teil der tragenden Hölzer des Wagenkastens ist erneuert.


Im Herbst 2008 konnten die Arbeiten am Wagenkasten fortgeführt werden.
Alle Hölzer der Tragkonstruktion sind ersetzt.
Der Kutschbock ist nach historischer Zeichnung neu angefertigt, die Dachspriegel und Dachschalung sind erneuert.


Der Fußboden und erste Wandverkleidungen sind montiert.

Mitte November 2008 waren die Arbeiten soweit vorangekommen, das die Außenbeblechung montiert werden konnte.


Anfang Januar 2009: der Wagenkasten ist fertig und wartet auf seinen Endanstrich.


Die Außenseite des Daches wurde wie in der historischen Fahrzeugbeschreibung gefordert, mit gutem Zinkblech belegt.


Danach erfolgte der Endanstrich und die Montage des Dachladekastens.


Anfang Februar 2009 wurden die fertig vorbereiteten Fahrwerksteile montiert.


Hier in Inneneinrichtung im Rohzustand


Die Posterung wurde von einem pensionierten Polsterermeister in traditioneller Machart angefertigt.


Letzte Details wie Anschriften, Zierlinien, Laternen usw. vervollständigen den Postwagen.


Blick auf den Einstieg in den Fahrgastraum.


Am 5. April 2009 absolvierte der Omnibus-Postwagen erfolgreich seine erste Fahrt.


Zurück am "Alten Posthof" in Ochtrup-Welbergen am 14. Juni 2009.
Auf der kleinen Grünfläche links hinten im Bild hatte der Postwagen einst als Denkmal gestanden.


Endlich einen Wetterschutz für Postillion und Beifahrer !

Leider finden nicht alle Fahrten bei schönem und trockenen Wetter statt. Schon manche Fahrt frührte durch kräftigen Regen und dabei habe ich so ein Spritzleder sehr vermisst. Meine Fahrgäste sitzen in dem Omnibus schön im trockenen, aber vorn auf dem Bock läuft einem der Regen bis in die Schuhe. Ein passendes Spritzleder für den Postwagen nach historischen Vorbild hat diesen Mangel beseitigt. Außen ist es aus gefettetem Leder und innen mit Segeltuch gefüttert. Befestigt wird es an beiden Bockbügeln und seitlich am Fußbrett.




Auch nach dem Abschluß der Restaurierung wurden noch kleine Details ergänzt.
Hier zum Beispiel die Kranzborte unter der Decke des Fahrgastraumes.